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Prosa

Die Harzreise

Teurer Anzug, teure Mäntel,
High Heels, Pumps, und Stiefeletten,
Großmannsreden, Sektempfänge –
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

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Teurer Anzug, teure Mäntel,
High Heels, Pumps, und Stiefeletten,
Großmannsreden, Sektempfänge –
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

Herzen in der Brust, und Liebe,
Warme Liebe in dem Herzen –
Ach, mich tötet ihr Gesinge
Von erlognen Liebesschmerzen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr großen Banken,
Große Herren! Große Frauen!
Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.

Die Stadt Frankfurt am Main, berühmt durch ihre grüne Soße und ihren Fußballverein, gehört dem Gelde des Finanzprotektorats, und enthält 17 Starbucksfilialen, diverse Untergrundlinien, einen Kaiserdom, eine baufällige Sternwarte, eine denkmalgeschützte Parlamentskirche, einen botanischen Garten und eine Zentralbank, wo der Euro sehr hart ist. Der vorbeifließende Bach heißt der Main, und dient unter keinen Umständen des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr schmutzig und an einigen Stellen so tief, dass der Höchster Industriepark hierzu die doppelte Tagesdosis Unrat einleiten musste. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muss schon sehr lange stehen; ich erinnere mich, als ich vor sechs Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet mit Managern, Vorständen, Portfolios, Versicherungsgesellschaften, Maklern, Fonds, Brokern, Einlagensicherungen, Abschreibungen, Moratorien, Vermögensberatern, Anlageberatern, Beratungsberatern, Bankdirektoren und anderen Toren. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Finanzkrise erbaut worden, jede insolvente Bank habe damals ein gebundenes Exemplar fauler Kredite darin zurückgelassen, und davon stammten all die Commerzbänkler, Postbänkler, Landesbänkler, Sparkassenverwalter, Deutschbankveruntreuer, Zentralbankverweser, usw., die noch heutzutage in Frankfurt, hordenweis, und geschieden durch den Preis der Anzüge und Smartphones, über die Fressgass einherziehen, auf den blutigen Walstätten des Finanzkapitalismus, der Börse, den Büros, den Towern sich ewig untereinander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Finanzkrise dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche Aufsichtsräte heißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches nun Basel III heißt und in den legibus barbarorum eine Stelle verdient, regiert werden.

Im allgemeinen werden die Bewohner Frankfurts eingeteilt in Eingeborene, Politiker, Banker und Abschaum, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Abschaum ist der bedeutendste. Die Namen aller Eingeborenen und aller ordentlichen und unordentlichen Politiker hier herzuzählen, wäre zu weitläufig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Eingeborenen im Gedächtnisse, und unter den Politikern sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Frankfurter Banker muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Freitag mittags, mit ihren geleckten Anzügen und feisten Gesichtern vom Goetheplatz kommend, vor den Weinständen des Börsenplatzes sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.

Ausführliches über die Stadt Frankfurt lässt sich sehr bequem nachlesen in der Topographie derselben von Wikipedia. Obzwar ich gegen diese Online-Enzyklopädie, die zuweilen mein Arzt war und mir sehr viel Liebes erzeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch ihr Werk nicht unbedingt weiterempfehlen, und ich muss tadeln, dass sie jener falschen Meinung, als hätten die Frankfurterinnen allzu kleine Bembel, nicht streng genug widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer ernsten Widerlegung dieser Meinung beschäftigt, ich habe deshalb vergleichende Kelterei gehört, die seltensten Werke auf der Bibliothek exzerpiert, auf der Fressgass stundenlang die Bembel der vorübergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten Abhandlung, so die Resultate dieser Studien enthalten wird, spreche ich 1. von den Bembeln überhaupt, 2. von den Bembeln bei den Alten, 3. von den Bembeln bei den Göttingerinnen, 4. von den Bembeln der Frankfurterinnen, 5. stelle ich alles zusammen, was über diese Bembel zum Gemalten Haus schon gesagt worden, 6. betrachte ich die Bembel im Zusammenhang, und verbreite mich bei dieser Gelegenheit auch über Krüge, Humpen usw., und endlich 7., wenn ich nur so großes Papier auftreiben kann, füge ich noch hinzu einige großformatige Fotografien mit dem Faksimile frankfurtischer Damenbembel.