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Naturphilosophie

Das Atempus

Thema: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Vorwort des Autors

Die unregelmäßig erscheinende Reihe “Naturphilosophie” soll dazu dienen, meine Gedanken zu Problemen, wie sie an der Grenze zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie angesiedelt sind, mit leichtem und humorvollem Geist zu beleuchten und zu skzizzieren. Vieles davon wird auf anerkanntem Wissen, manches aber auch auf Vagheit und Vermutung beruhen, in keinem Fall aber berufe ich mich auf eine spezifische und ausgedehnte Recherche fachwissenschaftlicher Literatur, sondern einzig und allein auf die Schlussfolgerungen meiner mir eigenen Urteilskraft; daher erhebe ich weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit alles Gesagtem. Auch ist es mir gleich, ob derartiges schon anderswo, anderswann, von anderswem, sowie anderswie gedacht worden ist und verzichte, insofern nicht als nötig erachtet, auf irgendeine Art bibliographischer Angaben.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Nach sporadischer Lektür der großen Werke Cassirers, Heideggers und Wittgensteins zur Sprachphilosphie bin ich zu der vorläufigen und höchst anfechtbaren Meinung gelangt, dass die Sprache, derer wir Menschen uns mittels des gesprochenen Wortes bedienen um erstens, die Lage der Dinge um uns herum im Raum und zweitens, diejenige vor und nach uns in der Zeit zu bezeichnen, eine, mit Hinblick auf Erörterung der Seinsfrage, außerordentliche Inadäquatheit anhaftet. Mein Versuch zielt daher auf eine Überwindung dieser strukturellen Schwäche sowie auf eine Erweiterung der sprachlichen Werkezuge ab. Ich erdreiste mich, diese um eine spezielle neue Funktion zu erweitern, die ich das Atempus nennen will. Bei dieser neuartigen Tempusform soll es sich um eine solche handeln, die keine ist. Sie soll zweierlei Zweck dienlich sein; nämlich erstens, das außerhalb der Zeit liegende Sein der Dinge sowie das des Seins selbst klarer erfassbar, sprachlich greifbarer zu machen, und zweitens die Möglichkeit bereitstellen allgemeine Geschehnisse, Vorgänge und Zustände, welche echt zeitlos sind oder aber subjektiv als solche wahrgenommen werden, adäquater als es die gewöhnlichen Tempusformen gestatten auszudrücken.

Dabei ist die Konstruktion der atemporalen, der azeitlichen Zeitform zunächst natürlich eine Willkürliche. Um der ganzen Sache, das heißt ihrem zugrunde liegenden Konzept, aber wenigstens im Grundsatz gerecht zu werden, so soll diese des Seinsbegriffs selbst, des Seinsverbs schlechthin, entlehnt werden: nämlich des Verbs “sein”. Neben dem Versuch einer phonetisch ästhetischen Formgebung einher geht damit auch die Hoffnung, dass sich in dieser speziellen Methode der Tempusbildung sowohl der intrinsisch zeitlose Charakter des Seins sowie dessen eigenes Sein zumindest fühlbarer als in jeder anderen willkürlichen Wahlmöglichkeit widerspiegeln mögen, als aber auch klar der Wesensunterschied zeitloser Zustände im Vergleich zu den gewöhnlichen Konfiurationsmöglichkeiten der klassischen Tempi aufgezeigt werden wird.

Ich erschließe mir das Atempus eines beliebigen Verbs nun aus der willkürlichen (sic!) Bildung eines Hilfsverbs in Kombination mit der gewöhnlichen Indikativform dieses Verbs im Präsens. Dabei soll sich die Hilfsverbkonstruktion sowohl aus der Präteritumsform als auch der Futurfunktion des Verbs “sein” zusammensetzen. Ein Beispiel hierzu: In der ersten Person im Singular entsteht die gewünschte Konstruktion aus der Präteritumsform des Verbs sein, also aus “war”, sowie der Anfügung seiner Futurform, also des Verbs “werde”, welche letztere endverkürzt wird; beides geht schließlich auf im neuen Hilfsverb “warde”. Zusammen mit dem bezeichnendem Verb im Indikativ des Präsens ergibt sich das Atempus. Um Verwechslungen mit dem Präteritum vorzubeugen, soll das Atempus der zweiten Person Singular eine unregelmäßige Bildung erfahren. Im Deutschen lautet seine vollständige Konjugationstabelle im Aktiv dann folgendermaßen:

ich warde sein
du wardest sein
er/sie ward sein
wir warden sein
ihr wardet sein
sie warden sein

Im Passiv soll die Bildung völlig regelkonform mit dem Partizip Perfekt des betroffenen Verbs geschehen:

ich warde gewesen werden
du wardest gewesen werden
er/sie ward gewesen werden
wir warden gewesen werden
ihr wardet gewesen werden
sie warden gewesen werden

Das Atempus selbst muss dabei als zeitlos, außerhalb und jenseits der Zeit liegend, gedacht werden. Es gedenkt schließlich vollständig von dieser zu abstrahieren. Die Negierung der Zeitform soll dabei durch die Setzung einer jeden der drei Haupttempi, also der Vergangenheit, der Gegenwart, sowie der Zukunft, gekennzeichnet werden. Auf den ersten Blick mag eine derartige Entsagung der Zeitlichkeit mittels Aneinanderreihung der klassischen Zeitformen als widersinnig, ja widersprüchlich, erscheinen. Sie gestaltet sich am Ende aber doch nur als konsequent, wird denn nicht in der gleichberechtigen Ansammlung einer jeden Zeitform innerhalb eines einzelnen Satzes das Geschehen seiner starren Strukturierung in das Vorher, das Jetzt und das Gleich enthoben. Die zeitlichen Zusammenhänge entbehren nämlich gerade dann ihrer ursächlichen Bedeutung, gehen inneinander über und zusammen hinein in ein zeitlich ungeordnetes und ewiges sein schlechthin, eben dem Atempus, dem Nichtzeitlichen. Hier schließlich zeigt sich die Zeitlosigkeit in der Ewigkeit; denn das Ewige ist zeitlos. Dann liegen beide unendlich voneinander entfernten Extreme doch nur vereint vor in ein und demselben Punkt, dessen unterschiedliche Eigenschaften sie bei Annäherung von je verschiedenen Richtungen an diesen verdeutlichen.

Ob das Atempus am Ende sinnvoll oder gar nützlich sein wird, das schließlich wird sich an seinem Gebrauch und dessen Erkenntnisgewinn zeigen. Eventuell werde ich in hin und wieder in meine Dichtungen einfließen lassen und seine literarische Eignung ausloten. Dort zumindest könnte er zu einem überaus interessanten und neuartigen Stilmittel reifen.