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Aphorismen

Sprache und Denken

Aphorismen aus dem Umfeld von Sprache und Denken.

Wie Wittgenstein sagte, so bedeuten die Grenzen der Sprache auch die Grenzen der Welt, denn jene ist der Schlüssel zu dieser. So aber auch zur Erkenntnis. Der Sprachdiktatur in den Wissenschaften geht damit ein Verfall der Erkenntnis einher. Jene Wissenschaftler, welche die dominante Wissenschaftssprache, heutzutage also das Englische, nicht in ausreichendem Maße beherrschen, können somit nicht zur wesentlichen Verfeinerung des eigentlichen Erkenntniswissens beitragen. Die Folge davon ist eine Verkümmerung der Wissenschaften, hinein in die reine Mathematik und damit in die Versenkung der Digitalisierung, der Numerik sowie der Datenverarbeitung. Unter all dem leidet schließlich nicht das logische Denken, jedoch das analytische und breitet sich eine allgemeine Unfähigkeit dazu aus, die Gesetze und Gleichungen der Natur in symbolischen Formen oder wenigstens dergleichen, menschlich begreifbaren Bildern zu formulieren; ein Verlust all dessen also, was dereinst einmal mit dem Begriff der Naturwissenschaft assoziiert worden ist. Zu dieser verlangt es nämlich einer umfassenden Beherrschung der menschlichen Sprache, gewiss auch der mathematischen Sprache, aber ganz gewiss keiner Programmiersprache.

Die größte Erfindung der Natur ist die des Menschen, und die des Menschen jene der Natur.

Programmiersprachen sind im Grunde nichts weiter als degenerative Rückentwicklungen moderner Kultursprachen, denn an ihnen spiegelt sich ein frühes Stadium der Sprachentwicklung wider: Das Zurückschmelzen der komplexen Zeitformen, und damit auch der Abstraktion von Ziel und Zweck einer dynamischen Handlung, hinein in die zwei wesentlichen, sinnlich-räumlich assoziierten Zeitanschauungen des menschlichen Geistes, nämlich in die des Jetzts, und die des Nicht-Jetzts. Jeglicher Code besteht in diesem Sinne nur mehr aus der Zerstückelung einer verbalen Tätigkeit in zeitlose Einzelanweisungen; die programmatische, sequenzielle Ausführung dieser Anweisungen ist dann gleichbedeutend mit der Vergegenwärtigung aus dem unspezifizierten Nicht-Jetzt hinein in das Jetzt der Operationalität dergestalt, dass ihr Resultat schließlich mit dem korrespondierenden Verbum der Kultursprache zusammenfällt.

Ein anschauliches Beispiel für Erfolg und Misserfolg der sprachlichen Intuition: Durch das chronologische Zählen von Begebenheiten wird eine Geschichte erzählt, also die zeitliche Schichtung der Ereignisse.

Die Entscheidungsfreudigen sehen, ob der Fülle ihrer Entscheidungen, nur wenig Nutzen im Denken, die Denkfreudigen dahingegen, ob der Fülle ihrer Gedanken, nur wenig Nutzen im Entscheiden.

Eine weitere Anwendung der Relativitätstheorie: Die Schrift. Denn Schreiben, oder genauer das Zeichnen der Schriftzeichen, entspricht der Verräumlichung der Gedanken heraus aus der Zeit hinauf auf das Papier, Lesen wiederum der Rückverzeitlichung jenes Räumlichen zurück und hinein in die Zeitlichkeit des Gedankenstroms.

Kommt im geschriebenen Wort der Strom der Gedanken eines Autors über etwas zum Ausdruck, so sollte das Ende eines Textes nicht als das eigentliche Ende seiner Gedanken darüber aufgefasst werden, sondern bloß als der Anstoß eben jenen Strom in den der eigenen Gedanken einfließen zu lassen und fortzuführen.

Auch wenn es irgendwann einmal gelingen sollte einem Computer das menschliche Denken einzuprogrammieren, so wird man an dem Versuch, einem Menschen das binäre Denken beizubringen, doch verzweifeln müssen.

Unabhängig denkt nur derjenige, der im Kugelhagel höchsteigener Kritik als Held zu Boden geht.

Denn erst das Symbol haucht der Form ihren Geist ein, und erst dann schöpft aus dem bloßen Dasein der Substanz das volle Leben.

Wer nur noch Blödsinn denkt, der sollte darüber nachdenken, seinen Kopf für eine Weile lang an einen anderen Ort zu verlagern um das Denken ganz zu unterbinden. Für den Kopf eines klugen Mannes befindet sich dieser Ort ganz gewiss zwischen den Beinen einer liebevollen Frau.

Wer nichts mehr zu verlieren hat, der sollte wenigstens auf seinen Verstand acht geben.

War die analoge Telekommunikation für den Geist das, was für den Verkehr die Dampflokomotive war, so ist das Internet sein Automobil.

Niemand bei Verstande kann ernsthaft von sich behaupten, in Worten zu denken. Vielmehr ist das intuitive Denken eine ganz und gar unerklärliche Art selbstständigen geistigen Geschehens, das sich nur schwerlich begreifen, kontrollieren oder gar lenken lässt; ganz im Gegenteil, so scheint es eher noch mit dem Fühlen, als mit der Logik oder der Sprache verwandt zu sein. Letztere aber verleiht ihm die Möglichkeit zum sinnlichen Ausdruck und in dieser Verbindung zur sprachlichen Form vollzieht sich der eigentliche Übergang eines Gedankens hinein in das bewusste Bewusstsein; ganz so, wie es sich beim Lernen etwa einer Fremdsprache vollzieht. Aber erst dieses von außen aufgezwungene Aufspüren der Worte macht aus dem Denken eine echte Anstrengung und Arbeit.

Wer viele Sprachen spricht, der ist im Besitz der Fähigkeit, die Welt um sich herum auf eine äußerst vielfältige Art und Weise zu beleuchten; aber erst und nur derjenige, der wenigstens eine einzige jener Sprachen meisterlich beherrscht, ahnt von der wahren Vielfältigkeit dieser Welt.

Ein guter Gedanke ist wie ein guter Wein. Er nimmt sich all die Zeit, die er zum Reifen braucht.

Vehement behauptet der Naturwissenschaftler, sich mit der wissenschaftlichen Methode des heiligen Grals der Erkenntnis bemächtigt zu haben. Wie aber Cassirer offenbarte, so ist sein kümmerlicher Kelch nicht viel mehr wert als derjenige der Religion, der Kunst, oder der Sprache; denn in all diesen möglichen Zugängen zur Welt drückt sich doch immer nur das Sein des menschlichen Geistes an sich aus, und in den speziellen Formen des Ausdrucks spiegelt sich nur mehr seine jeweilige Wahrnehmung der Wirklichkeit wider.

Zu behaupten, ein Weltzugang, der nicht auf Wissenschaft beruht, sei Hokuspokus, missachtet die schiere Möglichkeit eines solchen Gedankens im menschlichen Geist; und wird durch dessen Realisierung widerlegt.

Der Glaube an Gott und die Religion ist nicht der Glaube an die Dinge und Begriffe, welche uns die Kirchenphilosophen erdacht haben, sondern der Glaube an den Geist, der in den Köpfen jener Menschen gewaltet hat.

Im Kopfe von uns Menschen koexistiert eine Dreifaltigkeit des Denkens. Der erste Teil dieses Denkens ist derjenige der Logik, die uns den wissenschaftlichen Zugang zu unserer Welt ermöglicht. Der zweite Teil ist derjenige der Gefühle, der unseren auf reiner Logik beruhenden Handlungen eine ethische Dimension zuspricht. Der dritte und letzte Teil wiederum ist derjenige des Glaubens, der unserer Ethik einen tieferen Sinn und zuweilen auch Unsinn verleiht. Wer nun diesen seinen letzten Teil des Denkens gänzlich in Frage stellt, der lebt zum einen ein sehr einfältiges Leben, zum anderen aber kommt ihm dabei die bedingungslose Menschlichkeit, das ist die Liebe, abhanden.

Beim sinnieren über die geschichtlich ferne Vergangenheit schleicht sich gerne ein diffuses Überlegenheitsgefühl ins Denken, und man kann sich gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen, dass die Welt im Grunde schon immer diejenige war, die sie auch heute noch ist, und dass das gleiche natürlich auch für die Menschen gilt, von denen sie bewohnt wird.

Das eigentlich Erstaunliche an dieser Welt ist doch, wie wenig und mühevoll sie sich tatsächlich formen lässt, aber wie formbar sich ihr Bild im menschlichen Geiste gestaltet.

Unerklärlich sind diese kurzen, seltenen und unerwarteten Momente, in denen die schiere Existenz der Welt unmittelbar über einen hereinbricht, in denen man sich der Kuriosität allen Seins grundeigentlich bewusst wird; derart, als erwachte man, für einen kurzen und klaren Augenblick nur, aus einem tiefen und langen Traum, ereilt von einem kalten und gleichsam warmen Schauer; wie auch einem Gefühl des Sturzes, doch nicht bloß durch die irdischen Dimensionen von Raum und Zeit, sondern vielmehr, als stolperte ein zutiefst schockierter Geist über die eigene Selbsterkenntnis, und freien Falls hinab in das Ewige und Bodenlose völlig außerweltlicher Sphären.