Leben und Liebe

Derjenige, der aufrechten Hauptes durchs Leben geht, hat es nicht nötig zu den wenigen über ihm hinaufzuschauen. Wichtiger aber noch, so hat er es nicht nötig auf die vielen unter ihm herabzublicken. Niemals jedoch hat er es nötig, auf sich selbst hinaufzuschauen oder herabzublicken.

Der härteste Gang im Leben eines Mannes ist derjenige zu der Frau, die er liebt, denn mit weichen Beinen läuft es sich sehr schlecht.

Als Wegweiser des Glücks liegt auch in der hoffnungslosesten Bestrebung der schmale Grad hin zur Befreiung verborgen.

Wer den Schneid besitzt, sich in der Liebe zum Idioten zu machen, dem gehört die Welt, denn in dieser kann er ganz und gar derjenige sein, der er sein möchte. Wie Nietzsche einwandt, so hilft es gegen die dabei unabwendbar einsetzende Nebenwirkung der Selbstverachtung am sichersten, von einer klugen Frau geliebt zu werden.

Einer jener unnützen Volksaphorismen geht wohl etwa folgendermaßen: Wer meint schon etwas geworden zu sein, hat bereits aufgehört etwas zu werden. Aber ich sage nun: Um etwas zu werden, sollte man erst einmal sein.

Angesichts des nahenden Winters, was noch ist herzerwärmender als ein goldener Tag im Herbst, der als frischer und munterer Frühlingstag verkleidet daherkommt?

Eine Frau, die sich noch von Herzen über das Geschenk einer Blume freuen kann, offenbart damit die zwei wesentlichen Charakterzüge für den Erfolg einer guten und langen Beziehung: Kurzweilige Freude an der Form, aber echte Liebe zum Symbol.

Wer nur noch nach oben, aber kaum mehr nach unten schaut, der vergisst leicht in welch schwindelerregenden Lebenshöhen er sich eigentlich befindet, und wie tief der Sturz aus diesen sein kann.

Gesellschaft und Glaube

Im Paradies muss es sehr einsam sein. Es ist der Kontrapunkt alles Menschlichem. Wer es erschaffen möchte, der muss sich der Menschen selbst entledigen. Neuerdings nennt sich dieses Bestreben Digitalisierung. Sie verspricht die Lösung aller großen zivilisatorischen Probleme. Wie zuvor schon die Industrialisierung, so wird sie ihre utopische Versprechung einer grundsätzlich besseren Welt aber niemals einlösen können. Schuld an dieser Misere tragen wiederum die Menschen.

Si vis pacem exstingue album visificum.
Wer Frieden will, der muss den Bildschirm ausschalten.

Einst befreiten Liberale die leibeigenen Knechte von ihren Herren, zusammen mit den Nationalisten und Faschisten befreiten sich diese einstigen Knechte sodann von sich selbst, und im Osten wurden die verbleibenden Knechte von den Kommunisten schließlich zu den neuen Herren gemacht. Aber was bescherten die Demokraten den verbleibenden Knechten im Westen? Nichts, denn sie kannten keine Knechte.

Wer einmal in die unpäßliche Lage gerät, seine Ideale über Bord werfen zu müssen, der sollte sie vorher wenigstens gewissenhaft vertauen, damit er später einmal in der Lage sein wird, sie aus den Untiefen des Lebens wieder emporziehen zu können.

Das Problem der Menschheit liegt nicht darin, dass die Menschen unfähig wären aus ihren Fehlern zu lernen, wohl aber in ihrer natürlich veranlagten Sterblichkeit.

Bewerbungen, Dating sowie Wohnungssuche im Internet sind nicht zu verwechseln mit dem Führen von Selbstgesprächen, ist denn bei letzteren immer noch mit einer gut gemeinten Antwort zu rechnen.

Die Krise der westlichen Demokratien liegt nicht im Versagen des Liberalismus selbst begründet, sondern vielmehr im staatlich tolerierten Gewaltkapitalismus, denn auch in der postindustriellen Zeit gilt nach wie vor, nein, mehr denn als je zuvor die Devise: Geld ist geprägte Freiheit. Wird es den einfachen Leuten entzogen, so zwar nicht auch deren rechtsstaatliche Garantie auf individuelle Freiheitsrechte, wohl aber die Möglichkeit auf eine reale Entfaltung dieser. Freiheit ohne eine Möglichkeit der Wahl nämlich muss zur reinen Farce verkommen. Vollzieht sich dieser Entzug nun innerhalb der Sphäre grundlegender Lebensbedürfnisse, etwa der Lebensmittel- und Frischwasserversorgung, des Wohnens, des Transports, sowie der Arbeit, und infolgedessen auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Teilhabe im Sinne von Anerkennung, Akzeptanz, Geselligkeit, Freundschaft und ja, auch Liebe, so wird der einzelne schließlich keinen persönlichen Mehrwert mehr im liberal-demokratischen System erkennen können und sich alternativen, meist illiberalen Formen der gesellschaftlichen Organisation zuwenden; nach dem endgültigen Scheitern des Kommunismus und des Sozialismus also wieder denen des Populismus und des Faschismus.

Überzeugt von sich selbst sind alle, bis auf jene, die es sein könnten.

Sprache und Denken

Wie Wittgenstein sagte so, bedeuten die Grenzen der Sprache auch die Grenzen der Welt, denn jene ist der Schlüssel zu dieser. So aber auch zur Erkenntnis. Der Sprachdiktatur in den Wissenschaften geht damit ein Verfall der Erkenntnis einher. Jene Wissenschaftler, welche die dominante Wissenschaftssprache, heutzutage also das Englische, nicht in kritischem Maße beherrschen, können nämlich nicht zur wesentlichen Verfeinerung des eigentlichen Erkenntniswissens beitragen. Die Folge hiervon ist eine Verkümmerung der Wissenschaften, hinein in die reine Mathematik und damit in die Versenkung der Digitalisierung, der Numerik sowie der Datenverarbeitung. Unter all dem leidet schließlich nicht das logische Denken, jedoch das analytische und breitet sich eine allgemeine Unfähigkeit dazu aus, die Gesetze und Gleichungen der Natur in menschlich begreifbaren Bildern oder wenigstens dergleichen Symbolen zu formulieren; ein Verlust all dessen also, was dereinst einmal mit dem Begriff der Naturwissenschaft assoziiert worden ist. Zu dieser verlangt es nämlich einer umfassenden Beherrschung der menschlichen Sprache, gewiss auch der mathematischen Sprache, aber ganz gewiss keiner Programmiersprache.

Die größte Erfindung der Natur ist die des Menschen, und die des Menschen jene der Natur.

Programmiersprachen sind im Grunde nichts weiter als degenerative Rückentwicklungen moderner Kultursprachen, denn an ihnen spiegelt sich ein frühes Stadium der Sprachentwicklung wider: Das Zurückschmelzen der komplexen Zeitformen, und damit auch der Abstraktion von Ziel und Zweck einer dynamischen Handlung, hinein in die zwei wesentlichen, sinnlich-räumlich assoziierten Zeitanschauungen des menschlichen Geistes, nämlich in die des Jetzts, und die des Nicht-Jetzts. Jeglicher Code besteht in diesem Sinne nur mehr aus der Zerstückelung einer verbalen Tätigkeit in zeitlose Einzelanweisungen; die programmatische, sequenzielle Ausführung dieser Anweisungen ist dann gleichbedeutend mit der Vergegenwärtigung aus dem unspezifizierten Nicht-Jetzt hinein in das Jetzt der Operationalität dergestalt, dass ihr Resultat schließlich mit dem korrespondierenden Verbum der Kultursprache zusammenfällt.

Ein anschauliches Beispiel für Erfolg und Misserfolg der sprachlichen Intuition: Durch das chronologische Zählen von Begebenheiten wird eine Geschichte erzählt, also die zeitliche Schichtung der Ereignisse.

Die Entscheidungsfreudigen sehen, ob der Fülle ihrer Entscheidungen, nur wenig Nutzen im Denken, die Denkfreudigen dahingegen, ob der Fülle ihrer Gedanken, nur wenig Nutzen im Entscheiden.

Eine weitere Anwendung der Relativitätstheorie: Die Schrift. Denn Schreiben, oder genauer das Zeichnen der Schriftzeichen, entspricht der Verräumlichung der Gedanken heraus aus der Zeit hinauf auf das Papier, Lesen wiederum der Rückverzeitlichung jenes Räumlichen zurück und hinein in die Zeitlichkeit des Gedankenstroms.

Kommt im geschriebenen Wort der Strom der Gedanken eines Autors über etwas zum Ausdruck, so sollte das Ende eines Textes nicht als das eigentliche Ende seiner Gedanken darüber aufgefasst werden, sondern bloß als der Anstoß eben jenen Strom in den der eigenen Gedanken einfließen zu lassen und fortzuführen.

Wissenschaft und Forschung

Hinsichtlich der alten Menschheitsfragen hat die Physik nichts weiter zustande gebracht als die Schöpfung auf den Kosmos, und den Glauben an Gott auf die Universalität der Naturgesetze zu projizieren.

Die fast schon fanatische Fixierung der Grundlagenforschung auf die Methodik der künstlichen Intelligenz muss irgendwann auch den letzten erkenntnishungrigen Wissenschaftler in den fiskalakademischen Hungertod treiben.

Der grundlegende Unterschied zwischen dem Kosmos und den Elementarteilchen ist der, dass es keinen gibt. Ersterer spiegelt sich in den Eigenschaften letzterer bloß wider.

Wenn erst einmal die physikalische Theorie eines Urzusammenhangs entdeckt worden ist, so mag es gut möglich sein, dass die Welt als ein wie auch immer geartetes holistisches Ganzes aufgefasst werden wird, und nicht mehr bloß als eine lokale Zersplitterung in Elementare mannigfacher Couleur. Gemeint sind damit weder die aberwitzigen Theorien zur Vereinheitlichung der Kräfte, noch jene der sprachlich unbegreifbaren Quantenfeldtheorien, sondern vielmehr ein bildlich neuartiges Naturganzes in das sich die fragmentarischen Einzelbilder der historischen Theoriebildung endlich und nahtlos an- und ineinanderreihen werden. Jener Urzusammenhang darf dann, und das völlig zu recht, als der göttliche Funke unserer Welt begriffen werden, und das auch dann noch, wenn die Grenze der naturwissenschaftlichen Ontologie tatsächlich erreicht worden ist. Ausgeklammert davon bleiben nach wie vor die Fragen nach dem Wesen, dem Sein und dem Grund dieser Welt.