Vorwort des Autors

Die unregelmäßig erscheinende Reihe “Naturphilosophie” soll dazu dienen, meine Gedanken zu jenen Problemen, welche an der Grenze zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie angesiedelt sind, zu beleuchten und zu skzizzieren. Vieles davon wird auf anerkanntem Wissen, manches aber auch auf Vagheit und Vermutung beruhen, in keinem Fall aber berufe ich mich auf eine spezifische und ausgedehnte Recherche fachwissenschaftlicher Literatur, sondern einzig und allein auf die Schlussfolgerungen meiner mir eigenen Urteilskraft; daher erhebe ich weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit alles Gesagtem. Auch ist es mir gleich, ob derartiges schon anderswo, anderswann, von anderswem, sowie anderswie gedacht worden ist und verzichte, insofern nicht als nötig erachtet, auf irgendeine Art bibliographischer Angaben.

Gibt es den freien Willen?

Das derzeitige Wissen über das Wesen der Natur, die Gesetze der Physik, und damit auch all das mögliche Weltgeschehen, welches auch tatsächlich geschieht, verneinen dies. Die Strukturen der Realität zeigen sich nämlich, im klassischen Rahmen menschlichen Naturverständnisses – und damit soll hier und im folgenden auch der Bereich relativistischer Vorgänge mit eingeschlossen sein – streng deterministisch. Das aber wiederum heißt, dass sich der Zustand eines jeden physikalischen Systems in der Welt, also jeder Aspekt der Realität, wo und wann auch immer, ob hier auf Erden oder sonstwo im Kosmos, exakt vorausbestimmen, ja mehr noch sogar, vorausberechnen lässt; und zwar von jetzt auf gleich bis in alle Zukunft, aber ebenso auch zurück bis in alle Vergangenheit. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass die Gesetze alleine noch nicht den Unterschied kennen zwischen dem Vorher, dem Jetzt, und dem Gleich. Erst die Erfahrung lehrt: Die Vergangenheit determiniert die Gegenwart und diese die Zukunft; aber niemals kann die Gegenwart, ja gar die Vergangenheit aus der Zukunft heraus neigen. Aber: Sind denn wirklich alle klassischen Prozesse, welche zu den realen Zuständen des Gleichs, also hin in die Zukunft, führen, derart und streng vorausberechenbar?

Kurz: Ja, das sind sie. In Vielteilchensystemen jedoch, also mit dem Übergang von der Mechanik einzelner bewegter, hin zur statistischen Beschreibung – was Systemen einer großen Anzahl mehr oder minder stark wechselwirkender Körper gleich kommt – relativiert sich diese Tatsache wieder ein wenig. Dann nämlich nehmen die Grundgleichungen der Mechanik, mathematisch gesprochen, einen nichtlinearen Charakter an, das heißt, es tauchen Potenzen in den zeitlichen Ableitungen auf. Bis auf wenige Ausnahmen besitzen derartige Gleichungen nun jedoch keine analytischen Lösungen mehr und können darüberhinaus ins Chaotische umschlagen; und das schon im Fall des Dreikörperproblems. Die mechanische Trägheitsbahn eines einzelnen Körpers im System, ja die Dynamik des Systems selbst, reagiert dann höchst sensibel, sowohl auf externe Stöungen, als auch die Anfangsbedingungen, welche der Berechnung zu Grunde gelegt werden; in der hier wichtigen Mechanik meist Orte, Geschwindigkeiten oder Impulse, sowie Beschleunigungen. Unter normalen Umständen sind dem Vorausrechnenden diese Bedingungen allerdings nicht in beliebiger Präzision bekannt, und aufgrund der intrinsischen, statistischen Ungenaugkeit von Messungen können sie es auch niemals sein. Diese universelle Eigenschaft der hydrodynamischen Bewegungsgesetze verleitet nun sehr schnell dazu, der Realität einen nur mehr statistischen Wahrscheinlichkeitswert für das Eintreffen eines bestimmten, zukünftigen Zustandes bzw. Ereignisses zusprechen zu können. Aber das ist nicht richtig. Die generelle Unfähigkeit des Beobachters den Berechnungen die korrekten Anfangsbedingungen zu einer exakten Evolutionsvorhersage der Realität aufzuprägen, tangiert die Wohldefiniertheit der realen Bedingungen – wohlgemerkt im Rahmen der klassischen Physik – in keinster Weise. Insofern bleibt der Determinismus, wie dies auch alle klassischen Gleichungen, und hier speziell die Navier-Stokes-Gleichungen, zeigen, streng erhalten, auch im relativistischen Grenzfall; und diese Tatasache gilt sowohl für Systeme im Nichtgleichgewicht, als auch im Falle des Gleichgewichts, das heißt beim Übergang zur Thermodynamik.

Der zweite Hauptsatz jener Thermodynamik, das stetige Anwachsen der Entropie im Kosmos, kann dabei als das eigentlich begründende Pinzip der Zeitrichung, also der Sturkturierung in das Vorher, des Jetzts, sowie des Gleichs, nicht jedoch der Zeit selbst, angesehen werden. Eine rein heuristische Berufung auf die dissipativen Prozesse in der Natur, welche den Gleichungen schließlich eine Evolutionsrichtung vorgeben sollen, ist dabei gar nicht nötig und darüberhinaus als ein Teilaspekt im zweiten Hauptsatz enthalten. Die Zeitlichkeit selbst beruft sich dann nur mehr auf die Prozesshaftigkeit der Realität: Ohne physikalische Wechselwirkung, ohne Bewegung, keine Zeit. Und nicht andersherum. Aus Bewegung im Raum folgt dann erst die Zeitlichkeit in der Welt. Es ist das alte Zenonsche Paradoxon des flugruhenden Pfeils, nur andersherum, das heißt vom Ende her, gedacht. Dasselbe Prinzip sollte dann, diesmal jedoch ohne Beschränkung des zweiten Hauptsatzes, für den Raum gelten, und tatsächlich: In diesem ist es den Körpern stets und frei gestattet sich in alle Richtungen, vor und zurück, zu bewegen; die Beschränkung einer Raumzukunftsrichtung entfällt. In diesem Sinne ist zu vermuten: Die prozessartigen Wechselwirkungen der materiellen Körper, und damit die Prozesshaftigkeit der Realität selbst, zimmern sich, basierend auf den lokal gültigen Kraft- und Bewegungsgesetzen, ihre eigene Bühne, die Bühne ihrer Existenz. Und diese ist die Raumzeit. Die speziellen Strukturen also, in der das Weltgeschehen geschieht, sowie das Maß von Raum und Zeit, Meter und Sekunde, sind erst als Folge davon erfahr- und definierbar. Ärger sogar noch, so muss gleiches, im Sinne des Machschen Prinzips, auch für die Trägheit der Materie, die Masse, gelten. Diese wiederum sollte, dem Äquivalenzprinzip folgend, als eine Äußerung der kosmologisch wirksamen Gravitation auf den lokalen Aufpunkt, das heißt in unserem Fall die Erde, auffassbar sein und damit erst die lokalen Kraft- und Bewegungsgesetze, die Geodäten, anhand derer die metrischen Größen, Meter und Sekunde schließlich eichbar sind, festlegen.

In diesem rein klassischen Sinne ist das menschliche Bewusstsein, sofern es als Teil des Menschen mit diesem in der Welt existiert und zusammen mit ihm den Gesetzen der Natur unterworfen ist, insbesondere aber der in ihm angesiedelte Wille, wie angesprochen, als beschränkt und letzterer insbesondere als unfrei anzusehen. Dann nämlich muss eingestanden werden, dieser werde, den deterministischen Gesetzen der Physik folgend, gesteuert, und zwar von seiner auf physikalischer Wechselwirkung beruhenden und von Erfahrung geprägten, materiellen Basis, also des Gehirns, mit der Umgebung, das heißt dem Körper selbst sowie der körperlichen Außenwelt. Ersteres beschreibt dabei die chemischen und elektrischen Vorgänge innerhalb des ihm eigenen Körpers, das sind die Gefühle; und letzteres wird über die erfahrbaren, externen Reize, also das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen vermittelt. Dies aber je nur in der erlebbaren Spanne physikalischer Interaktivität. Was ist damit gemeint? Nun, ein Beispiel: Der menschliche Seh- und Hörsinn beschränkt sich auf einen äußerst kleinen Bereich wahrnehmbarer elektromagnetischer wie akkustischer Wellenfrequenzen. Folglich kann das Bewusstsein, auf sinnlicher Grundlage, nicht von eben jenen Reizen angesprochen werden, welche aus diesem klar umrissenen Frequenzspektrum herausfallen. Das wiederum heißt aber erstens nicht, dass dergeartete, sinnlich interaktionslose Medien nicht physikalisch auf den Körper selbst einwirken könnten und es infolge dessen zu zeitlich verzögerten Willensentscheidungen kommt: Ein Melanom etwa, verursacht durch das Licht eines sinnlich-visuell nicht wahrnehmbaren, aber hochernergetischen Spektralbereichs, wird das Leben eines Menschen früher oder später sicherlich beeinflussen. Zweitens heißt es nicht, dass, auf der Grundlage eines rein kognitiven bewusst werdens eines solchen sinnlich verborgenem Mediums, der Wille nicht beeinflusst sein kann: Ins Rote verschobene Frequenzen sind weder seh- noch hörbar; so wird niemand ernsthaft behaupten können Funkwellen zu sehen, noch Infraschall zu hören. Doch ein jeder mag sich, unter zuhilfenahme eines je geeigneten Messapparats, derer gewahr machen um sodann und Kraft des eigenen Willens mit dem Aluhut wider dem Ausbau der Windkraft zu agitieren.

Was aber macht das derart erfasste, klassische und deterministische Bewusstsein mitsamt seinem Willen über die bloße Interaktion mit seiner Umwelt hinaus aus? Was, in der Sprache der Physik, ist der Gedanke? Und, welchen Anteil nimmt das stoffliche Gehirn selbst, als des Bewusstseins materielle Basis, an einem Gedanken eigentlich ein? Nun, abgesehen von seiner räumlichen Koformation wohl erst einmal nicht allzu viel, denn beide, Bewusstsein und Wille, sind, in ihrem Wesen, als eine primär prozessartige Erscheinung aufzufassen; nämlich als die von den gehirnlichen Neuronen gesteuerte Sendung elektrischer Impulse, der Ausbreitung elektromagnetischer Felder, oder, mechanisch und etwas salopp formuliert, der kräfteforcierten Bewegung zahlreicher Elektronen entlang der Nervenbahnen und deren statistische Auswertung in, sowie einer komplexen Kommunikation zwischen den verschiedenen Gehirnarealen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht eines umfassend und gesund entwickelten Gehirns bedarf um einen Gedanken, ein Bild der Welt, zu erfassen und nachfolgend auch sprachlich zu artikulieren. Auch beduetet es nicht, dass eben diese zelluläre Strukturiertheit des Gehirns, die ja letztlich auch die Erfahrung widerspiegelt und von dieser geprägt ist, keine Bedeutung für die Art und Form des gedachten Gedankens hätte. Zunächst aber wird überdeutlich: Der Gedanke, oder viel mehr das Sein lebendigen Bewusstseins, und damit auch der Wille, lässt sich, physikalisch gesprochen, nie im Zustand des bloßen, materiellen Seins wiederfinden. Mehr noch: Sein Sein, das ist das Werden selbst und liegt, in seiner Ursprünglichkeit, rein im Prozess, das heißt der Wechselwirkung und hier speziell im Austausch elektrischer Signale, begründet; es zeigt sich damit zutiefst zeitlich. Ein zeitloses Bewusstsein, das ist tot.

In dieser notwendigen Zeitlichkeit des Bewusstseins liegt aber auch der Zusammenhang der erlebbaren und gefühlten zur physikalischen Zeit verborgen, denn die Gesamtheit der Zeitspannen typisch neuronaler Aktivitäten, etwa die kognitive Verarbeitung des Sehsinns usw., legen erst jenes Zeitintervall – ich nenne es hier und im folgenden schlicht die menschliche Eigenzeit – fest, welches der bewussten Wahrnehmung des Jetzts gleich kommt. Für den Menschen sind das wenige Sekunden, die, in Gefahrensituationen und chemisch vermittelt, zu Bruchteilen von Sekunden schrumpfen können; für die gemeine Fruchtfliege hingegen sind dies nur Bruchteile von Bruchteilen von Sekunden. Angenommen aber, in Sekunden, so wären sowohl die durchschnittliche Lebenserwartung, als auch die alltäglichen, körperlich mechanischen Interaktionen des Menschen mit seiner Umwelt von einer hypothetischen Veränderung dieses Eigenzeitintervalls a priori nicht betroffen, stiege dann die Rate der Wahrnehmung spürbar an und fiele das kleinste wahrnehmbare Intervall drastisch ab, so bekäme das Erlebnis eines einzigen Tages den Anschein einer Ewigkeit; andersherum aber wäre ein einzelner Tag nicht mehr als ein Wimpernschlag und die Dauer des gesamten, empfundenen Lebens schrumpfte zusammen auf ein paar wenige solcher Schläge. Insofern mag es als eine erstaunliche Einrichtung der Natur angesehen werden, dass die gehirnprozesslich gebundene, menschliche Wahrnehmungsspanne in einem genau solchen Eigenzeitintervall beheimatet ist, in dem sich die typischen existenziellen Fragen des Lebens abspielen und proaktiv, also willentlich, aber im biologischen Kontext dennoch ressourcen- und energieschonend, bearbeiten lassen. Zufall ist das wohl nicht, und am Beispiel diverser anderer Wirbeltiere, insbesondere aber dem der Säuger, lässt sich die biologische Realisierbarkeit einer derart verkürzten Zeitwahrnehmung wunderbar veranschaulichen; es zeigt dann auch die Kompatibilität des zugrundeliegenden Konzepts mit weitaus weniger stark entwickelten Gehirnen als dem des Menschen. Paradoxerweise läuft diese Erkenntnis nun jedoch dem, was als die nachträglich empfundene und subjektive Zeitspanne bezeichnet werden kann, gründlich entgegen: Ein ereignisreiches und geschäftiges Leben mag, an seinem Ende, als sehr ergiebig und lang empfunden worden sein, ein ereignisarmes Leben hingegen, daingestreckt im Jetzt der Langeweile, als kurz und fad. Die Verlängerung des empfundenen Lebens durch ein Herabsenken der wahrnehmbaren Eigenzeit führte also – im subjektiven Rückblick – in die Verödung; es geschähe kaum mehr etwas; andersherum aber fast alles in nur wenigen Augenblicken und jede der wenigen, aber intensiv erlebten Eigensekunden des kurzen Lebens erschiene, angefüllt mit unendlich vielen Eindrücken, als erschöpfend und tief. Natürlich sind dies bloß Extremfälle, aber sollte eine solche Technik eines Tages tatsächlich realisierbar sein, etwa chemisch vermittelt über eine Anregung der Gehirnaktivität, oder kybernetisch über computerbasierte Ergänzungen des Gehirns, so mögen sich einige mehr oder weniger nützliche Anwendungen ergeben. Verbesserte Reaktionszeiten, etwa im Straßenverkehr, oder aber signifikante Präzisionssteigerungen in der chirugischen Medizin. Spielfilme und Computerspiele könnten, beschleunigt auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Abspielgeschwindigkeit, in nur wenigen Sekunden bei vollem Erlebnis konsumiert werden. Wahrlich visionär!

Die Ausformung eines Gedankens liegt also in der Zeitlichkeit des Seins lebendigen Bewusstseins – das ist die Prozesshaftigkeit des Denkens – begründet. Was aber bestimmt nun die spezielle Art, den Inhalt eines solchen Gedankens? Dieser kann wohl nur mit der individuellen Struktur und Koformiertheit des Gehirns selbst identifiziert werden und spiegelt sich letztlich in der Erfahrung wider; und auf diese letztere beruft sich schließlich der Wille. Gewollt werden, ob frei oder unfrei, kann nichts, was nicht im Erfahrungsschatz selbst schon verborgen liegt. Aber damit noch nicht genug, sind denn Fantasie, Kreativität und Vorstellungskraft doch sicher nicht immer als eine bloß konkret erfahrungsbasierte Komponente des Gedankens ausartikuliert. Vielmehr können sie als ein Bild, als der Erfahrung Projektion, aufgefasst werden: Und dieses Bild, das ist die Erwartung. Die Gedanken, und damit auch der Ermessensspielraum des Willens, bewegen sich nun immer genau innerhalb eines abgesteckten Bereichs, der als die Vereinigungsmenge dieser beider Elemente, der Erfahrung sowie der efahrungsbasierten Erwartung, präzisiert werden kann. Frei nach Wittgenstein (auch wenn dessen Vorstellung des Willens nicht mit der meinigen übereinstimmen mag) , Tractatus 3.001: “>>Ein Sachverhalt ist denkbar<<, heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.” Solche Bilder aber sind immer auch Abbilder der Welt, der Realität; Tractatus 3.01: “Die Gesamtheit der wahren Gedanken sind ein Bild der Welt.” A priori aber zwängt uns die Welt, von der wir uns ein Bild machen wollen, ihre höchsteigene Logik kognitiv auf, was sich schließlich auch in der Erfahrung widerspiegelt; Tractatus 3: “Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.” Daraus folgt wiederum Tractatus 3.03: “Wir können nichts Unlogisches denken, weil wir sonst unlogisch denken müßten.” Und das ist, aus gegebenem Grunde, natürlich nicht möglich, ein Beispiel hierzu; Tractatus 3.032: “Etwas >>der Logik Widersprechendes<< in der Sprache (hier gleichbedeutend mit dem Gedanken, der sich ja erst durch die Sprache manifestiert – anm. d. A.) darstellen, kann man ebensowenig, wie in der Geometrie eine den Gesetzen des Raumes widersprechende Figur durch ihre Koordinaten darstellen; oder die Koordinaten eines Punktes angeben, welcher nicht existiert.” Dafür fehlt schließlich und schlicht die Vorstellungskraft; es mangelt an einer echten Erfahrungsgrundlage hinsichtlich unlogischer Geometrien bzw. des Nichts. Anderes ist hingegen problemlos möglich; Tractatus 3.0321: “Wohl können wir einen Sachverhalt räumlich darstellen, welcher den Gesetzen der Physik (…) zuwiderliefe.” Und das ist auch der Grund, warum Physik gemeinhin als schwer empfunden wird: Sie muss aus einer unendlichen Anzahl möglicher, aber – in den meisten Fällen – falscher Beschreibungen der Natur, unter zuhilfenahme einer nur geringen Anzahl empirischer sowie mathematischer Evidenzen, ein genau solches Bild der Welt ausformulieren, welches mit den Tatsachen in möglichst vielen Aspekten übereinzustimmen hat; dann erst kann sie als wahr im Sinne des oben angeführten Tractatus 3.01 gelten.

Der Wille beruft sich also auf die Vereinigungsmenge der Erfahrung mit der Erwartung, wobei letztere Teilmenge eine Projektion, eine Funktion, der Erfahrung ist: Zusammen bilden sie den Entscheidungsraum, aus dem jener auswählt. Nebenbei bemerkt, so kann die negierte Differenz zwischen Erfahrung und Erwartung dabei als die Enttäuschung, die bejahte Differenz, als das Erstaunen aufgefasst werden. Aber: Wovon man prinzipiell, das heißt im eigentlichen Grundsatze, nichts weiß, darüber kann man auch nicht denken, nicht sprechen, und schließlich auch nicht willentlich entscheiden. All das ändert jedoch nichts an der eingangs betonten Tatsache, dass der Wille, insofern das menschliche Gehirn, so wie es als neuronales System innerhalb der logischen Welt existiert, zwangsweise auch immer noch der Logik in der Welt, und damit den klassischen Naturgesetzen, unterworfen ist. Doch es gibt auch Trost. Denn die Strukturen und miteinander kommunizierenden Areale einen solchen Gehirns sind äußerst Komplexe und Vielschichtige; wie dargelegt, so reagieren derartige komplexe, nichtlineare Systeme äußerst sensitiv auf eine Variation der äußeren Randbedingungen. Eine marginale Verschiebung eines kognitiven Reizes kann dann zu völlig verschiedenen Willensentscheidungen führen. Das gleiche gilt andersherum aber auch für den gleichen Reiz als Eingangssignal verschiedenartig entwickelter bzw. gebauter Gehirne. Dann dürfen die möglichen Ausgänge im Entscheidungsraum als unendlich dicht benachbart angenommen werden und der individuelle Wille mag, eine dieser Entscheidungen selektierend, als durchaus frei erscheinen und auch als solcher wahrgenommen werden. Ebenso existieren neuronale Rück- und Querverbindungen in und zwischen den Gehirnarealen, durch welche sich die Entscheidungsfindung, zumindest in begrenztem Maße bewusst lenken lassen mag, ja, die dem Willen möglicherweise sogar frei und unbeschränkt gestatten aus einer der möglichen Optionen des Entscheidungsraums auszuwählen. Je affektgeladener ein Mensch handelt, desto schwacher also sein persönlicher Wille einzustufen ist, desto weniger können diese stabilisierenden Mechanismen ausgeprägt sein. Ein äußerst reflektierender, Entscheidungen und Möglichkeiten bewusst abwägender, willensstarker Mensch, wird hingegen proaktiv davon gebrauch machen. Das also heißt: Je stärker der Wille, je größer die Erfahrung und je reichhaltiger die Erwartung, desto freier der Geist. Insofern macht es wahrscheinlich gar keinen Sinn von einer absoluten Freiheit oder Unfreiheit des Willens philosophieren zu wollen: Ein Wille ist immer nur so frei, wie es der Mensch in seinem reflektierenden Bewusstsein jeweils zulässt; und selbst ein starker und freier Wille mag, in einem kurzen Moment der Schwäche, eine äußerst unfreie wie unkluge Entscheidung treffen wollen.

Dieses vollkommen deterministische Verständnis der Natur beschreibt übrigens die klassische Uhrwerkphysik des späten 19. Jahrhunderts, woran ein guter Großteil der Menschen westlicher Prägung, gestärkt durch die Erfahrungen der Technik, das heißt die mechanische Automatisierung, und insbesondere das Automobil, den Rundfunk sowie die Computertechnik, unvoreingenommen glauben dürfte. Das alles jedoch, und damit das gesamte Bild der erlebten Wirklichkeit, ist höchstwahrscheinlich grober Unfug. Ein historischer Irrsinn. Wird dem Ursrpung der Materie nämlich bis ins Kleinste gefolgt, so löst sich plötzlich alles, woran wir dachten geglaubt zu haben, in Luft auf, und ja, selbst die Luft an die wir denken zu glauben, sie löst sich schließlich auf in nichts. Hier nämlich endet die klassische Naturbeschreibung und beginnt jene der Quantenmechanik, in der – nach aktuellem Kenntnisstand – die Prinzipien der Lokalität und der Kausalität keine strenge Gültigkeit mehr besitzen können. Und so drängt sich noch eine letzte und abschließende Frage auf: Fällt die Funktionsweise des menschlichen Gehirns überhaupt in den Bereich der klassischen Naturbeschreibung? Oder doch nicht vielmehr in den der Quantenphysik? Es ist schlicht nicht bekannt, wird jedoch allgemein angezweifelt. Sollten Quanteneffekte in diversen Gehirnarealen aber tatsächlich eine fundamentale Rolle spielen, so wäre die Frage des Bewussteins unter völlig anderen Prämissen von Grund auf neu zu denken. Gleichzeitig bedeutete dies eine ungeheure Erschwerung der angewandten Hirnforschung, da eine Zerlegung und anschließende Analyse des Problems im klassischen Sinne nicht mehr möglich wäre; eine solche zerstörte dann schlicht den zu untersuchenden Quantenzustand. Das Gehirn, die Komplexität der Natur, und insbesondere die des Lebens, sollten allerdings nicht unterschätzt und ganz gewiss nicht einzig und allein an den in ihrer Gänze noch unverstandenen Prinzipien der physikalischen Naturbeschreibung festgenagelt werden; sind jene Prinzipien selbst ja auch wieder nur entstanden aus einem unvollständigen und fehlerhaften Bild der Welt in unseren menschlichen Köpfen, gewonnen aus isolierten Experimenten. Eines aber ist sicher: Vorausberechenbar wird der Wille, als nichtlineares, mitunter chaotisches System, niemals sein, genauso wenig wie das Wetter, das Klima oder die Aktienkurse an der Börse, allerhöchstens statistisch vorhersagbar.

Doch vorhersagbar, ist das nicht alles?