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Am Börsenplatz 1

Mein Herz, was schaust du so einsam
Zum großen Fenster heraus.
Schau, links und rechts, da sind Leute.
– Die schauen mir gleichsam hinaus! –

Hinauf zu den Sandsteinskulpuren?
Die glühen im Scheinwerferlicht
Der alten Börsenfassade,
Mein Herz, sag, siehst du sie nicht?

– Nein, tiefer auf dieses Getiere. –
Mein Herz, den Bullen und Bärn?
– Nein, nein, bloß die vielen Menschen,
Die Selbstsucht als Liebe verklärn. –

Mein Herz, das hast du nicht nötig,
Schau, oben, die Kinder, aus Sand,
Sie spielen zu Füßen der Eltern.
Welch tolle Fassadenwand!

– Sie spielen vor einer Fassade
Und unten die, die tun das auch. –
Mein Herz, so geht die Scharade,
Ist uralter Menschenbrauch.

– Was kümmert mich ihre Scharade?
Am Fenster, allein, hier sitz ich
Und auf dem Sessel gleich vor mir
Kein Stern mehr, der funkelt für mich. –

Winterliebe

Es schneit, mein Oststern, flockig weiß,
Dringts aus des Himmels Grauen.
Nimm meine Hand, den Mann aus Schnee,
Den möcht’ ich mit dir bauen.

Was zögerst du, liegt in der Brust
Noch Schnee vergangner Tage?
Wiegt noch so schwer die alte Last,
Des Herzens kalte Klage.

Komm folge mir, hinein ins Weiß,
Doch halt, musst dich besinnen:
– Und was, wird auch der neue Schnee
Mir durch die Hände rinnen? –

Sei unbesorgt, nimm meine Hand,
Lass uns den Schneemann bauen.
Der alte Schnee auf deinem Herz;
Mein Stern, an seinem soll er tauen!

Der funkelnde Stern des Ostens

Es hätte sicher nicht geschadet des nachts öfter einmal das Haupt emporzuheben, empor zu den Gestirnen, wie sie fein verteilt im dunkeln einsam vor sich hin schimmern. Hätte ich dann unbekümmert nach Osten geschaut, frage ich mich, wäre er mir dann nicht auch in die Sinne gedrungen, dieser kleine Fleck, wie er sich langsam aus dem nichts aufbaut, pulsierend schlägt und erst mäßig an Stärke gewinnt, um endlich all die anderen unbedeutend kleinen Sternlein, die ihm einst so neckisch Nachbarschaft geleistet haben, bedeutungsvoll zu überstrahlen? Mich deucht nämlich, es beschleicht mich förmlich, dieser geheimnisvolle Stern dort im Osten, er stand vorher nicht an diesem seinem Platz, und nur meine einfältigsten Kenntnisse der Himmelsgeographie lassen mich diese Behauptung nicht mit unabdinglicher Sicherheit beweisen. Aber, was wiegt schon solch weltlicher Beweis gegen den süßlich benebelten Schleier der Einbildung? Und überhaupt, im Nachblick, so scheint mir dieser äußerst anmutig funkelnde Stern dort im Osten gar nicht viel weniger unnatürlich als all die anderen abgeschmackten und doch recht kümmerlich drein blickenden Sternlein da droben. Ganz im Gegenteil sogar, so scheint mir deren unabläßliches doch hoffnungsloses Wetteifern um den schönsten Platz neben ihm, meinem Stern, eine ganz und gar empörliche Anmaßung. Und stünden diese tollkühnen Sternlein nicht so dermaßen weit am Himmel, so triebe ich sie noch eigenhändig außeinander, dass diese neidisch finsteren Gestalten bloß meinen einen Stern nicht weiter bedrängen wollen!

Denn du, ach du, mein Stern. Mein Stern des Ostens. Jetzt, da du aufgetaucht bist aus den schier endlosen Weiten, da fühle ich mich dir so nah, doch sag, weshalb nur stehst du so fern? Sprich es aus, mein Stern, der du stehst so funkelnd dort oben, weit und tief im Osten. Hoch über den Bergen des Kaukasus muss es sein, streift dein schimmerndes Licht, einem unbekümmerten Wanderer gleich, durch die dunklen und nächtigen Wälder. Und ich glaube ehrlich, in derart beschienenem Forst, da können wohl nur die sanftmütigsten russischen Bären zu hausen pflegen. Denn wer des nachts einem solch tapferen Wanderer begegnet, so schwermütig aus seinen flauschig pelzigen Augen schauend, und wer oben am Himmel schließlich den hellen Schimmer erspäht, der sich durch quellende Wolken Bahn bricht, dem, ja dem muss selbst das wildeste Bärenherz erweichen. Mir aber erweicht in deinem Scheine nur mehr mein kleines und weitaus weniger wildes Menschenherz und wahrlich, wenn es mir derart hingebungsvoll in der Brust schlägt, so käme ich beileibe nicht mehr umhin dich und dein schimmerndes Licht in aller Ausgiebigkeit zu rühmen.

Du aber mein Stern, bist meiner nicht angewiesen. Du selbst rühmst dich funkelnd am Himmel. Wie spiegeln sich in deinem Licht die herabstürzenden Bergbäche, die sich so wagetoll winden durch dichtes, undurchdringliches Felsengeröll. Hier und da versiegend, nur um an der nächsten Spalte in einer mächtigen Fontäne erneut emporzuschießen. Und in jedem Tropfen, der sich so in das Tal ergießt, in jedem schimmernden Tropfen, da spiegelt sich hell dein wärmendes und sanftes Bild. Das freilich verwandelt sich weiter unten, im Tal, in reißende Ströme, die alles, mitsamt meiner säuselnden Sehnsucht, hinfortzureißen versuchen. Die Sehnsucht aber, nun was sage ich, die ist ein beständiges Wesen, und sie klammert und kettet sich nur allzu gerne an den, der sie festhält. Und heftet derjenige sie leichtsinnig mit Liebe an sich, fest an sein treues Herz, o weh, dann ist es oft um ihn geschehen. Unten schließlich, langsam und breit Richtung Ebene treibend, gehen die reißenden Ströme über in behäbige Flüsse, und da taucht sie also wieder oben auf, in altgewohnt säuselnder Manier; und angekettet an das treue Herz schwimmt sie schmunzelnd vor sich hin, meine Sehnsucht, so innerlich entspannt wie immer, als wäre der wildeste Weg hinab ins Tal ihr nichts weiter gewesen als ein gemächlicher und ruhiger Sonntagsspaziergang.

Wird einem dieser Flüsse weiter nach Norden gefolgt, heißt es, so erscheint, erst als kleiner Punkt am Horizont, dann bald schon als verheißungsvolle Zuflucht, das altehrwürdige Stawropol, eine Stadt die namentlich schon den alten Griechen antike Kolonie und Heimat gewesen sein muss. Und selbst heute mag sich dort noch so manch ein verkannter Philosoph auffinden lassen, wobei mir, unter derart seltsamen Begebenheiten, nur eines mit Sicherheit gewiss erscheint: Er wäre nicht minder verwundert darüber. Mit solch wirren Käuzen aber ist doch oft noch das beste auskommen zu finden, geben sie nicht zumindest den Anschein endlich doch einmal an einem guten Hort des Humanismus angelangt zu sein. Und nur zu gerne würde ich solches glauben; denn sag mir mein Stern, scheint dein Licht hier nicht am hellsten? Hier, von deinem Schimmer beseelt, wandeln sicherlich nur die Edelsten des Menschengeschlechts auf den Straßen und derart beschienen mag das steinere Kreuz, das so geisterlich und mystisch über der alten Festungsanlage schwebt, mir versöhnlicher wirken als am Tage, wenn unerbittlich die doch recht orthodoxe Sonne auf diese aufgeklärten Tagträumer herniederzubrennen gedenkt.

Wärest du gar selbst ein solch anmutig auf dieser Erde wandelnder, edler Mensch, mein lieber Stern, so brächtest du mich schließlich noch in die liebliche Verlockung dir Haus und Hof zu machen. Aber sag, neben den fein duftenden Blumen die ich dir darböte, den roten Rosen, geziemte sich da für eine recht anständige Werbung nicht auch ein gleichsam feines Gedicht? Beschlöße ich dann, in meinem dir wohlwollend ergebenem Leichtsinn, tatsächlich ein solches verfassen zu wollen, so könntest du dir sicher sein: Es wäre deinem funkelnden Brand, der ganz gewiss all die anderen Lichter des Himmels auf ewig überstrahlen wird, sehnsuchtsvoll gewidmet. Und wenn du mich dann, in deinem ganz eigenen und müden Flackern, nach meiner, nein nein, nach deiner Dichtung frügest, so flüsterte ich diese ahnungsvoll und in den wohl klingendsten Silben durch die schweigsame Nacht hindurch zu dir, vorbei an all den anderen selbstgefällig lauschenden Sternlein da oben. Und ein jedes dieser lieblichen Worte klänge so rein und klar durch die stumme Dunkelheit, dass es selbst noch in der hintersten Ferne deutlich von einem jeden angetanem Zuhörer zu vernehmen wäre; und es bräche die Stille zwischen uns entzwei in das eine Lied:

Wieder stützt nach meiner liebsten
Dichtung fragend deine Hand
Dir das Haupt und müde Augen
Schweifen weit ins Heimatland.

Schweifen weit und schweifen müde
Von den meinen durch den Raum,
Saphir! Das sind die Augen deine,
Sprach ich, doch sie sind es kaum.

Und dein Herz das edle Lichter
Sprühet wie ein Diamant
Bricht mein grau in bunte Farben,
Funkelt wie des Oststerns Brand.

Doch die roten Lippen, Täuschung!
Können mir Rubin nicht sein,
Schloss mich denn aus deinem Munde
Nie ein Wort der Lieb mit ein!

Doch auch wenn du stumm bleibst mein Stern, so singt dein Leuchten zu mir hernieder, und in seinem warmen, rötlichen Licht spüre ich all die Zuneigung, die du nie auszusprechen vermocht hast. Und wenn ich an all die stummen Stunden zurückdenke, die ich da stand und Ausschau nach dir gehalten habe, dort am dunklen Horizont, dann, mein Stern, dann erscheint es mir noch so viel wärmer. Und fällt es derart wehmütig in meine wäßrigen Augen, schau an, dann glühen sie noch immer nach, die fernen Bilder der Vergangenheit. Aber für gewöhnliche Menschenaugen, nein, o nein, für solche sind diese fantastischen Geisterbilder nicht gemacht! Und wer sie dennoch erblickt, der hüte sich, denn demjenigen müssen die sehnsuchtsvoll nassen Augen in einen schwellenden Strom tausender Tränen zerspringen, und in jeder von diesen, da bricht sich das warme Licht meines Sterns und es bricht in all die bunten Farben dieser Welt.

Und der Nachklang dieser Farben, lieber Leser, ist das Geflüster der Sterne, das Sterngeflüster, Reisebilder der Sehnsucht, gewidmet meinem funkelnden Stern des Ostens!

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