Winterliebe

Es schneit, mein Oststern, flockig weiß,
Dringts aus des Himmels Grauen.
Nimm meine Hand, den Mann aus Schnee,
Den möcht’ ich mit dir bauen.

Was zögerst du, liegt in der Brust
Noch Schnee vergangner Tage?
Wiegt noch so schwer die alte Last,
Des Herzens kalte Klage.

Komm folge mir, hinein ins Weiß,
Doch halt, musst dich besinnen:
– Und was, wird auch der neue Schnee
Mir durch die Hände rinnen? –

Sei unbesorgt, nimm meine Hand,
Lass uns den Schneemann bauen.
Der alte Schnee auf deinem Herz;
Mein Stern, an seinem soll er tauen!

Der Nachtwandler

Manchmal, des nachts, wenn der Schlaf sich wieder einmal eine genüßliche Auszeit gönnt und mich an das kleine Fenster in meinem Zimmer treibt von wo ich den Mond, die Sternlein und gewiss meinen einen Stern still beobachten kann, da stelle ich mir zuweilen vor, wie er wohl hereinkäme, dieser alte schlaftrunkene Mann, mit der kalkweißen Nachthaube auf seinem unförmigen Schädel und dem ebenso weiß gewaschenem, über seinen kreidebleichen Körper geworfenem Nachtkleidchen. Halb gebückt vor Müdigkeit schlurft er dann mit seinen filzigen Pantoffeln über das zerkratzte Parkett auf mich zu und in diesem nächtlichen Getöse, da meine ich leise, ganz leise, ein zutiefst melancholisches Seufzen zu vernehmen. Dieses Gestöhne aber, es dringt schließlich dermaßen herzzerreißend zu mir vor, dass ich mir stets und insgeheim denken muss: In einem solchen besonders tiefschöpfenden Ausdruck der Hoffnungslosigkeit, in diesen, wohl tief auf der Seele brennenden Qualen, ja ja, in diesen müssen jenem armen Tropf all die Schmerzen dieser Welt begründet liegen. Und schau an, noch eh ich dies auch bloß zu denken wage, steigert sich sein hoffnungsentleertes Seufzen in ein ebensolches, doch nun mehr von voluminöser Stärke durchdrungenes Gebrabbel und wie in eine Raserei verfallen fängt dieser einstmals ruhige Nachtwandler an wild und hektisch zu gestikulieren. Diese ungestümen Bewegungen aber, alsbald schon gehen sie über in ein nur mehr unkoordiniertes fuchteln, und das bloß um schließlich laute und unverständliche, fast schon animalische Laute auszuschreien. Und er brüllt sie aus dem offenem Fenster, dicht vorbei an meinen schmerzenden Ohren, vorüber an den hohen Eichen, heraus in die Nacht, hoch in den Himmel, noch wohl hin bis zu meinen Stern; aber von dort draußen wiederum klirren sie klar und rein zurück an mein Fenster: Was bloß ist es? Ich armer, armer alter Mann, ich frage es mich nun schon so lange! Was bloß heißt es deutsch zu sein? Und bedächtig stumm mit dem Kopf nickend stimme ich ihm zu: Fraglos, welch Weltschmerz!

In seiner linken Hand, so glaube ich, in ihr hält er dabei eine Kerze, und diese altehrwürdige Flamme, die ihm doch nur flackernd leuchten wollte den Weg zu seiner ihm heimeligen Schlafstätte, sie muss bei diesem hochnotpeinlichen Tobsuchtanfall wohl in einer Wolke rußigen Dampfs erloschen sein. In der anderen aber, der rechten Hand, da flimmert ihm ein völlig anderes Licht. Dieses grelle, bläuliche Licht jedoch, dass ihm, diesem alten Narren, den Schlaf raubt, ist ganz anderer Natur als das eben noch sanfte und beständige Flackern seiner ihm heiligen Kerze. Dieses viel modernere Licht, es will ihm nicht bloß leuchten den Weg, nein, in diesem wollen sich spiegeln in rotem, grünem und blauem Reigen die Geschehnisse der Welt; oder, um es mit seinen wohlweisen Worten auszudrücken: Das Siechtum der Nation, das Elend Europas, der Untergang des Abendlandes; ja gar das endgültige Ende unseres geliebten Erdenrunds. Und wenn er dann so vor mir steht, mich mit seinen vor Müdigkeit unterlaufenen, aber stets treuen und gewissenhaften Augen anblinzelnd, so denke ich mir: Du alter Mann du, willst du nicht besser bleiben bei deiner Zeitung aus Papier? Denn glaube mir, es sind nicht deine Geschichten, von denen du dort liest, des nachts in deinem warmen Bett. Nein, vertraue mir, sie sind es nicht und sie werden es auch niemals sein. Es sind die Bilder einer anderen Zeit und jene ist gewiss nicht die, welcher dein verlorenes Gesicht entsprang. Und immer schaut er mich dabei an, so geheimnisvoll grinsend und weil er es besser weiß, spricht er schließlich in gutem deutschen Ton: Doch sie sind es! Und, ins Grübeln versunken, frage ich mich dann heimlich: Sind sie es wirklich?

Die Bildung der Nationen aus lose zusammenhängenden Ländereien und deren Völkern zeigt in den allerwenigsten Fällen einen linearen Verlauf, ganz im Gegenteil, es handelt sich vielmehr um ein beständiges auf und ab, ein endloses vor und zurück der kulturellen und identitätsstiftenden Ereignisse. Sie ist die Summe eines Sammelsuriums verschlungener und kurviger Pfade, und ein jeder von ihnen ist zusammengesetzt aus weiteren weitaus verschlungeneren und kurvigeren Pfaden, und so weiter. Aber sie alle liegen tief verankert in den wechselnden Wogen und Geschicken der Epochen. Wer heute noch als Idol und Held von den einen gefeiert wird, gilt für manch anderen schon morgen wieder als ein Inbegriff der Schande und des Verrats. Es mag gar wirken wie ein ewiges Kommen und Gehen: Die einen treten auf, sie klopfen an die Tür und sprechen stolz und frei heraus: Guten Tag; und die anderen, die weniger Glücklichen, sie reichen diesen noch schnell ihre Hand und treten aus der selbigen Türe betreten hinaus, jedoch nur mehr mit einem wehleidigen und jammernd dahingenuschelten Adieu auf den Lippen. Die Frage nach der deutschen Nation aber, die deutsche Frage, diese ist ganz, und ich betone es bewusst, sie ist ganz und gar einer anderen Natur. Während gewöhnliche und damit nur mittelmäßige Nationen, sagen wir, etwa, jene der Franzosen, ihr nationales Einfaltstum ein für alle mal und unwiderruflich stiften konnten, so ist derjenige Pfad der Deutschen ein prinzipiell anderer. Diese genuine Anderarsartigkeit aber, sie lässt sich nun ganz wunderbar veranschaulichen, und steht sie schließlich, mit all ihren bis in die Unkenntlichkeit entstellten Auswüchsen da, so wie die in den grünspanigen Archiven vor sich hin modernden Plastiken der alten Meister, dann lässt sie sich auch ganz genauso wunderbar museal, in all ihren guten wie schlechten Aspekten und voll allen Seiten, von links und rechts, oben wie unten, ehrfurchtsvoll bestaunen. Bei einer solchen Schau des nationalen Skulpturismus schließlich, einer wahren Weltausstellung chauvinistischer Vorurteile und Eitelkeiten, muss einem Connaisseur der schönen Künste, einem solchen also, wie du einer bist, hochverehrter Leser, noch der feinste handwerkliche Makel besonders scharf ins Auge springen. Drum soll diese Beschauung nun ausgeführt werden.

Ich beginne dabei, zunächst in schlichter Art der Abstraktion, mit der französischen Nationalfrage, um dann, in der intellektuellen gedankenschwere meiner Argumentation fortschreitend, den Kontrast zur deutschen Frage unmissverständlich herauszuarbeiten. Die erstgenannte also, der eigentliche Ursprung des vive la france, welches vereint die Prinzipien der liberté, der égalité sowie der fraternité, sie, um im eben gezeichneten Bild zu verweilen, beschreibt ein Sammelsurium aus Pfaden, das eindeutig und unmissverständlich zurückzuverfolgen ist, sowohl in den chronologischen Ereignissen, als auch den semantischen Begrifflichkeiten, ein recht kausaler Gesamtpfad eben, mit einem ordentlichen Anfang und einem ebensolchen Ende; und das Ende dieses Pfades, die Revolution mit all ihren Folgen, stiftete schließlich die Nation. Dabei ist es gar nicht nötig die konkreten Ereignisse, so verworren sie nun auch sein mögen und welche der Menschheit, nebenbei bemerkt, die großartigsten Errungenschaften bescherten, so etwa die moderne Staatsverfassung, das metrische System sowie das kantenfreie Guillotinieren, explizit nennen zu müssen. Drum soll hier auch nicht weiter darauf eingegangen werden. Darüberhinaus, und, ohne eine Empfehlung aussprechen zu wollen oder gar weiter über solches nachgedacht zu haben, so behaupte ich hier außerdem, dass von all den begabten Chronisten unserer und vorheriger Zeiten zur genannten Sache gewiss das ein oder andere, mehr oder weniger wertvolle Stück Literatur verfasst wurde. Für einen jeden also, vom luftigsten Liberalen bis zum biedersten Reaktionär, sollte, irgendwo, in einem der virtuellen Regale des digitalen Alexandrias unserer Neuzeit, eine ideologisch genehme Berichterstattung der historischen Ereignisse unmittelbar und frei zugänglich vorliegen.

Nun aber, die Deutschen, so sage ich, nein, die nationale Idee dieses Volkes bewegt sich nicht einfach bloß auf einem solch simplen Pfad aus Pfaden, wie die unserer simplet nation es tat und wohl auch immer noch tut. O nein, dieses gewiefte Völkchen hat sich ganz anderer geisteswissenschaftlicher Errungenschaften bemächtigt um sich vor einer Beantwortung dieser Deutschesten aller Fragen ein und für alle mal und gänzlich herumzudrücken: Nämlich jenen der Geometrie. Der Durchmesserdeutsche wird jetzt vorschnell einwerfen wollen: Aber ja, die deutsche Frage, natürlich, im Kreise dreht sie sich, im Kreise! In den tiefschöpfenden Kolumnen der Zeitungen, den televisionären Diskussionen, den aufklärerisch gelabten und gleichsam göttlich durchtränkten Kommentaren im Netz, immerfort nur im Kreise, wie die lustigen Karussells auf dem Rummel, ohne Anfang und ohne Ende, fort und immerfort; so wie es sich mir im Kopfe dreht, immer zu, wenn ich denke, immer zu und fort und fort und fort… und, nur zur Sicherheit, wende ich sogleich ein: Nein, das tut sie eben nicht, sie dreht sich nicht einfach nur immerfort im Kreise wie die lustigen Karussells auf dem Rummel es tun, gleich neben den Schießständen, mit ihren vielen Narrengesichtern tierischer wie menschlicher Natur; sie endet auch nicht einfach nur an jenem Orte und in jenem Zustand, von welchen sie dereinst ausging. Nein, genau das tut sie eben nicht, sie beschreibt keinen klassischen Zirkelschluss, egal wie komplex und vielschichtig dieser auch sein mag. Und, zugegeben, der konzeptionelle Unterschied, welchen ich nun, konträr zu diesem kreiselnden und krieselnden Deutschtum, entwerfen will, mag er auf den ersten Blick auch nur mehr marginal erscheinen, so ist er doch unerläßlich für das Verständnis meiner abschließenden Conclusio. Daher sage ich nun, der deutsche Pfad, mag er zwar niemals beschränkt sein auf diesen und jenen speziellen Aspekt, er bewegt sich doch immer in einem geschlossenen Argumentationsrahmen und bleibt damit, wenn man so will, auf ewig in seiner ihm ganz eigenen topologischen Gefangenschaft, ganz ähnlich sogar, wie in unserem Kreisbeispiel. Aber, in dieser speziellen Gefangenschaft, die ich ihm hier andichte, in ihr drinnen, da ist er, ganz im Gegenteil zur kreisdeutschen Vorstellung, völlig frei, frei und unbeschränkt.; und zwar in alle gedanklichen Himmelsrichtungen. Und um dir die Vorstellung dieser etwas abstrakt wirkenden, geometrischen Tatsache ein wenig zu erleichtern, lieber Leser, so möchte ich raten dir an dieser Stelle vorzustellen, sie, also die deutsche Frage und alles was bildlich, schriftlich und damit sprachlich mit ihr in Verbindung steht, bewege sich auf einer Sphäre, welche die Oberfläche einer Kugel beschreibt, eine Art Gedankenblase also; oder, um das deutsche Wesen besser zu erfassen: Eine Traumblase.

Egal wie verworren ihr Pfad nun auch sein mag, irgendwann einmal, wenn nur Zeit genug verstrichen ist, das heißt also, wenn die guten Taten in Vergessenheit geraten, die schlimmen Verbrechen verjährt und die großen Schriftwerke zu Staub zerfallen sind, dann schließlich wird ein jeder Pfad wieder seinen Ausgangspunkt erreicht haben. Nähern wir uns jenem Ort, so taucht am Horizont, zunächst verheißungsvoll, ein hohes, hözernes Schild auf, und in der Tat: Im gesenkten Hitzeflimmern, dürstend einer Antwort, mag es gar wirken wie der lang ersehnte Wegweiser, der uns da endlich verheißt die ersehnte Erlösung. Weitere Annäherung aber trübt den Blick und bald schon geht die liebe Hoffnung über in die niederschlagendste Gewissheit, und die jungen Bretter, die wir aus der Ferne meinen erspäht zu haben, ja ja, diese gehen über in alte Planken und in großen altdeutschen Lettern wird dort schließlich auf einem morschen Schild geschrieben stehen: Was ist des Deutschen Vaterland? Und jeder Pfad, den wir einschlagen könnten um zu einer abschließenden Antwort zu gelangen, wurde bereits beschritten und führt nur wieder zurück an eben jenen genannten Ort, und um dir schließlich jeden Mut zu rauben, lieber Leser, so will ich es endlich verneinen: Nein, dieser Pfad, er existiert nicht einmal, er kann es schlicht nicht! Nicht einmal diejenigen, welche die deutsche Frage als überwunden betrachten, jene also, welche auf den antipodalen Seiten der deutschen Blase leben, können ihrer Allgegenwärtigkeit entrinnen; jeder Weg führt schließlich nur wieder zurück zum Beginn. Und wenn diese kopfständischen Antipodendeutschen dann die schwarzen Gesellen, wie sie dort am Anfang im nächtlichen Hinterhalt lauernd liegen, fragen, werden jene aus stolzer Brust heraus antworten: Wir hier sind deutsch und jene dort sind fränkisch!

Aber, betrachten wir diese Gesellen einmal in Ruhe aus nächster Nähe, so werden wir endlich auch feststellen, wer uns da, am ideengeschichtlichen Urknall der Nation, mit so stolz geschwellter Brust eigentlich entgegentritt. In der kleinen Kompanie, die sich dann vor uns aufbaut, vermuten wir ehrfurchtsvoll und nicht zuletzt angeführt vom großen Blücher höchstselbst, Männer wie Arndt, Schenkendorff und Körner, sowie all die anderen Freiheitsverdichter der Nation. Und wenn ich so darüber nachdenke, freilich, dann kann ich sie, in ihrem provisorischen Feldlager hockend, fast vor mir sehen, diese Romantiker; wie sie frenetisch ihre Federhalter polieren und dabei todesmutig, mit blutgierig lechzenden Mündern, die wagetollsten Verse rezitieren, mehr als bereit, ihren Feinden, den bösen fränkischen Schergen, schon den nächsten literarischen Hinterhalt zu legen. Ja, schwarz waren sie, diese Gesellen; schwarz von der Tinte, mit der sie schrieben. Vielmehr jedoch, ganz entgegen dieser naheliegenden Vermutung und, wie ich meine, fast schon ein wenig enttäuschend, finden wir dort nur mehr versammelt einen wirren Haufen noch viel wirrerer Leute und reichen wir diesen, einem nach dem anderen, dabei höflich beginnend mit dem Ältesten unter ihnen, demütig die Hand, so wird uns von diesem letzten ein eher unerwarteter Name entgegengeworfen werden; doch es ist ein großer Name, und er lautet: Immanuel Kant. Fragen wir dann verdutzt weiter, so hören wir von den anwesenden Männern weitere Namen, Namen wie Schopenhauer, Schelling, Fichte und Hegel. Doch! Welch Weh! Noch ehe wir sie darum bitten könnten, sich zu erklären, da bricht auch schon ein ohrenbetäubendes Gedonner zu uns und unseren Freiheitshelden herein. Erbarmung! Raunt der alte Kant neben mir auf: Sind denn die Republikaner schon so nahe…? Und da donnert auch schon der zweite Schlag zu uns herein; und, siehe da, unsere schöne deutsche Traumblase, mitsamt all unseren neu gewonnen Freunden, sie zerplatzt schließlich in tausend kleine Tropfen, die langsam nach oben fallen. Und, zusammen mit einem jeden dieser zukunftsweisenden Intellektuellen selbst in tausend kleine schwarze, weiße und rote Tröpchen zerfliessend, dabei meine ich, aus den Augenwinkeln heraus, noch zu erkennen wie eine kokardierte Marianne aus einer goldenen Schale angefüllt mit grell brennender Seifenlauge, Arm in Arm mit einer nadelbewehrten Germania, eine Blase nach der anderen bläst und wieder zersticht.

Ich aber finde mich daraufhin nur an meinem kleinen Fenster wieder, wo ich langsam aufwache aus diesem deutschen Albtraum. Und auf einmal ist es still, herrlich still, so ganz alleine. Der alte Nachtwandler, er ist verschwunden und nur mehr der Wind draußen rauscht noch durch die hohen Eichen und oben, weit im Osten, da leuchtet, wie immer und gleichmäßig, mein Stern für mich am dunklen Nachthimmel. Doch, und, lieber Leser, fragen wir uns das nicht gemeinsam: Was war es, das dieser seltsame Traum uns riet? Nun, so denke ich, der deutsche Nationalgedanke, er ist wohl unzertrennlich verbunden mit der Philosophie in Deutschland, welche, historisch etwa zeitgleich und endlich von der Religion emanzipierend, in voller Blüte sowie im ganzen Land üppig gedieh. Ich behaupte sogar: Ja, sie selbst ist eine solche Frage, sie ist, ideell, und in all ihren Aspekten, vollends von jener durchdrungen und dieses deutsche Dasein, ihre Ontologie, sie bildet das diskursive Schlachtfeld. Auf diesem wiederum, da wehen die Fahnen, schmettern die Verse, und aus den freien Kehlen unserer schwarzen Freunde erklingt das verzweifelte Kriegsgeschrei; hier versammeln sich schließlich all die Symbole des deutschen Freiheitskampfes, oder kurz: All das nationale Brimborium. Und ist dieses, ich will es schlicht die Phänomenologie des Deutschen nennen, dann erst einmal in der Welt, so wird um die Deutungshoheit, also um das, was gemeinhin als gut deutsch gilt, erbittert und unnachgiebig gerungen; freilich ohne auch nur eine Antwort zu finden; wie es sich einer großen und wichtigen, eben einer guten philosophischen Frage, auch nur im Grundsatze geziemt. So also sitzt das deutsche Völkchen, eine Schar aus Amateurphilosophen und solchen, welche es nur allzu gerne wären, wie eh und je zusammen, zusammen bei gut gehopftem Bier und lieblichem Wein und es wird unbekümmert drauf los philosophiert. Thema: Deutsch sein als Wille und Vorstellung. Fantastisch, denn ja, sie haben tatsächlich recht behalten, unsere schwarzen Freunde: Alles Große kommt uns wieder, alles Schöne kehrt zurück! Und es wird diskutiert, ein wenig argumentiert, mehr noch gestritten, viel intrigiert, doch vor allem gehetzt, und zwar so sehr, dass sich sprichwörtlich die Balken biegen. Aber, wir können doch beruhigt sein, denn zu einer guten deutschen Antwort, zu einer solchen kam noch keiner. Und das wird auch keiner, kein Deutscher wird je imstande sein dieses gedankenakrobatische Kunstunstück zu vollbringen, und doch nennt sich ein jeder, der es versucht, ein Deutscher, sei es nun aus nationaler Sehnsucht heraus, oder aber dergleichen Verachtung. Was also antworte ich meinem schlaflosen Nachtwandler, sollte er mich wieder einmal unverhofft im Traume besuchen wollen? Was also ist deutsch? Nun, vielleicht ist die Frage darauf Antwort genug. Und, sollte ihm, diesem närrischen Sturrkopf, das nicht genügen, so sei ihm nur mehr eines angetragen: Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen, und, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Ich also schweige.

Der funkelnde Stern des Ostens

Es hätte sicher nicht geschadet des nachts öfter einmal das Haupt emporzuheben, empor zu den Gestirnen, wie sie fein verteilt im dunkeln einsam vor sich hin schimmern. Hätte ich dann unbekümmert nach Osten geschaut, frage ich mich, wäre er mir dann nicht auch in die Sinne gedrungen, dieser kleine Fleck, wie er sich langsam aus dem nichts aufbaut, pulsierend schlägt und erst mäßig an Stärke gewinnt, um endlich all die anderen unbedeutend kleinen Sternlein, die ihm einst so neckisch Nachbarschaft geleistet haben, bedeutungsvoll zu überstrahlen? Mich deucht nämlich, es beschleicht mich förmlich, dieser geheimnisvolle Stern dort im Osten, er stand vorher nicht an diesem seinem Platz, und nur meine einfältigsten Kenntnisse der Himmelsgeographie lassen mich diese Behauptung nicht mit unabdinglicher Sicherheit beweisen. Aber, was wiegt schon solch weltlicher Beweis gegen den süßlich benebelten Schleier der Einbildung? Und überhaupt, im Nachblick, so scheint mir dieser äußerst anmutig funkelnde Stern dort im Osten gar nicht viel weniger unnatürlich als all die anderen abgeschmackten und doch recht kümmerlich drein blickenden Sternlein da droben. Ganz im Gegenteil sogar, so scheint mir deren unabläßliches doch hoffnungsloses Wetteifern um den schönsten Platz neben ihm, meinem Stern, eine ganz und gar empörliche Anmaßung. Und stünden diese tollkühnen Sternlein nicht so dermaßen weit am Himmel, so triebe ich sie noch eigenhändig außeinander, dass diese neidisch finsteren Gestalten bloß meinen einen Stern nicht weiter bedrängen wollen!

Denn du, ach du, mein Stern. Mein Stern des Ostens. Jetzt, da du aufgetaucht bist aus den schier endlosen Weiten, da fühle ich mich dir so nah, doch sag, weshalb nur stehst du so fern? Sprich es aus, mein Stern, der du stehst so funkelnd dort oben, weit und tief im Osten. Hoch über den Bergen des Kaukasus muss es sein, streift dein schimmerndes Licht, einem unbekümmerten Wanderer gleich, durch die dunklen und nächtigen Wälder. Und ich glaube ehrlich, in derart beschienenem Forst, da können wohl nur die sanftmütigsten russischen Bären zu hausen pflegen. Denn wer des nachts einem solch tapferen Wanderer begegnet, so schwermütig aus seinen flauschig pelzigen Augen schauend, und wer oben am Himmel schließlich den hellen Schimmer erspäht, der sich durch quellende Wolken Bahn bricht, dem, ja dem muss selbst das wildeste Bärenherz erweichen. Mir aber erweicht in deinem Scheine nur mehr mein kleines und weitaus weniger wildes Menschenherz und wahrlich, wenn es mir derart hingebungsvoll in der Brust schlägt, so käme ich beileibe nicht mehr umhin dich und dein schimmerndes Licht in aller Ausgiebigkeit zu rühmen.

Du aber mein Stern, bist meiner nicht angewiesen. Du selbst rühmst dich funkelnd am Himmel. Wie spiegeln sich in deinem Licht die herabstürzenden Bergbäche, die sich so wagetoll winden durch dichtes, undurchdringliches Felsengeröll. Hier und da versiegend, nur um an der nächsten Spalte in einer mächtigen Fontäne erneut emporzuschießen. Und in jedem Tropfen, der sich so in das Tal ergießt, in jedem schimmernden Tropfen, da spiegelt sich hell dein wärmendes und sanftes Bild. Das freilich verwandelt sich weiter unten, im Tal, in reißende Ströme, die alles, mitsamt meiner säuselnden Sehnsucht, hinfortzureißen versuchen. Die Sehnsucht aber, nun was sage ich, die ist ein beständiges Wesen, und sie klammert und kettet sich nur allzu gerne an den, der sie festhält. Und heftet derjenige sie leichtsinnig mit Liebe an sich, fest an sein treues Herz, o weh, dann ist es oft um ihn geschehen. Unten schließlich, langsam und breit Richtung Ebene treibend, gehen die reißenden Ströme über in behäbige Flüsse, und da taucht sie also wieder oben auf, in altgewohnt säuselnder Manier; und angekettet an das treue Herz schwimmt sie schmunzelnd vor sich hin, meine Sehnsucht, so innerlich entspannt wie immer, als wäre der wildeste Weg hinab ins Tal ihr nichts weiter gewesen als ein gemächlicher und ruhiger Sonntagsspaziergang.

Wird einem dieser Flüsse weiter nach Norden gefolgt, heißt es, so erscheint, erst als kleiner Punkt am Horizont, dann bald schon als verheißungsvolle Zuflucht, das altehrwürdige Stawropol, eine Stadt die namentlich schon den alten Griechen antike Kolonie und Heimat gewesen sein muss. Und selbst heute mag sich dort noch so manch ein verkannter Philosoph auffinden lassen, wobei mir, unter derart seltsamen Begebenheiten, nur eines mit Sicherheit gewiss erscheint: Er wäre nicht minder verwundert darüber. Mit solch wirren Käuzen aber ist doch oft noch das beste auskommen zu finden, geben sie nicht zumindest den Anschein endlich doch einmal an einem guten Hort des Humanismus angelangt zu sein. Und nur zu gerne würde ich solches glauben; denn sag mir mein Stern, scheint dein Licht hier nicht am hellsten? Hier, von deinem Schimmer beseelt, wandeln sicherlich nur die Edelsten des Menschengeschlechts auf den Straßen und derart beschienen mag das steinere Kreuz, das so geisterlich und mystisch über der alten Festungsanlage schwebt, mir versöhnlicher wirken als am Tage, wenn unerbittlich die doch recht orthodoxe Sonne auf diese aufgeklärten Tagträumer herniederzubrennen gedenkt.

Wärest du gar selbst ein solch anmutig auf dieser Erde wandelnder, edler Mensch, mein lieber Stern, so brächtest du mich schließlich noch in die liebliche Verlockung dir Haus und Hof zu machen. Aber sag, neben den fein duftenden Blumen die ich dir darböte, den roten Rosen, geziemte sich da für eine recht anständige Werbung nicht auch ein gleichsam feines Gedicht? Beschlöße ich dann, in meinem dir wohlwollend ergebenem Leichtsinn, tatsächlich ein solches verfassen zu wollen, so könntest du dir sicher sein: Es wäre deinem funkelnden Brand, der ganz gewiss all die anderen Lichter des Himmels auf ewig überstrahlen wird, sehnsuchtsvoll gewidmet. Und wenn du mich dann, in deinem ganz eigenen und müden Flackern, nach meiner, nein nein, nach deiner Dichtung frügest, so flüsterte ich diese ahnungsvoll und in den wohl klingendsten Silben durch die schweigsame Nacht hindurch zu dir, vorbei an all den anderen selbstgefällig lauschenden Sternlein da oben. Und ein jedes dieser lieblichen Worte klänge so rein und klar durch die stumme Dunkelheit, dass es selbst noch in der hintersten Ferne deutlich von einem jeden angetanem Zuhörer zu vernehmen wäre; und es bräche die Stille zwischen uns entzwei in das eine Lied:

Wieder stützt nach meiner liebsten
Dichtung fragend deine Hand
Dir das Haupt und müde Augen
Schweifen weit ins Heimatland.

Schweifen weit und schweifen müde
Von den meinen durch den Raum,
Saphir! Das sind die Augen deine,
Sprach ich, doch sie sind es kaum.

Und dein Herz das edle Lichter
Sprühet wie ein Diamant
Bricht mein grau in bunte Farben,
Funkelt wie des Oststerns Brand.

Doch die roten Lippen, Täuschung!
Können mir Rubin nicht sein,
Schloss mich denn aus deinem Munde
Nie ein Wort der Lieb mit ein!

Doch auch wenn du stumm bleibst mein Stern, so singt dein Leuchten zu mir hernieder, und in seinem warmen, rötlichen Licht spüre ich all die Zuneigung, die du nie auszusprechen vermocht hast. Und wenn ich an all die stummen Stunden zurückdenke, die ich da stand und Ausschau nach dir gehalten habe, dort am dunklen Horizont, dann, mein Stern, dann erscheint es mir noch so viel wärmer. Und fällt es derart wehmütig in meine wäßrigen Augen, schau an, dann glühen sie noch immer nach, die fernen Bilder der Vergangenheit. Aber für gewöhnliche Menschenaugen, nein, o nein, für solche sind diese fantastischen Geisterbilder nicht gemacht! Und wer sie dennoch erblickt, der hüte sich, denn demjenigen müssen die sehnsuchtsvoll nassen Augen in einen schwellenden Strom tausender Tränen zerspringen, und in jeder von diesen, da bricht sich das warme Licht meines Sterns und es bricht in all die bunten Farben dieser Welt.

Und der Nachklang dieser Farben, lieber Leser, ist das Geflüster der Sterne, das Sterngeflüster, Reisebilder der Sehnsucht, gewidmet meinem funkelnden Stern des Ostens!

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